Absurditäten im Leben einer Kassiererin

An der Kasse #33

Nach seinem Einkauf bleibt ein Kunde unverhofft an meiner Kasse stehen, zusätzlich zu seinen Einkäufen trägt er einen entsetzten/nachdenklichen Gesichtsausdruck (ist manchmal nicht leicht von einander zu unterscheiden, da beide Gefühlsregungen bei Kunden nie etwas Gutes vermuten lassen: verkniffene Augen, halb geöffneter Mund, angehaltener Atem und ein ratterndes Hirn, so laut, dass es das Piepsen der Kassen übertönt).

Dann, ganz plötzlich: „Sie haben doch die Macht(!) über das Kassierband!“

Ich reagiere nicht.

„Ich meine, Sie steuern doch wohl das Ganze!“

Ich schaue ihn an, während die nächste Kunden schon brav ihre Waren in den Wagen räumen darf, und erbarme mich einer Antwort.

„Nee. Sehen Sie diese Lichtschranke? Alles automatisch.“

Ungläubig werden die beiden Punkte am Ende des Bandes begutachtet.

„Ach! Das läuft nämlich viel zu schnell!“. Der Kunde geht, der Gesichtsausdruck bleibt.

Darf ich vorstellen? Ich bin die Wächterin und Herrscherin über sämtliche Kassierbänder dieser Welt! Nur durch meine Gedanken beeinflusse ich die Geschwindigkeit, mit der das schwarze Band seine Runden zieht. Allein durch meine mentale Stärke bringe ich den Koloss aus flachem, breitem Gummi zum Stehen. Und zum Laufen. Einfach so. Nennt mich von nun an nicht mehr Kassierkraft, diese Bezeichnung ist meiner Fähigkeiten und Aufgaben nicht würdig.

Ach, ernsthaft? In welcher großen Supermarktkette wird das Band denn noch mit Fußpedal gesteuert? Man stelle sich mal vor, mit was für einseitigen Fuß-Schmerzen die Kassierkräfte zum Arzt rennen würden. Vielleicht werden die Bänder aber auch eigentlich von Micro-Wesen bedient, die unermüdlich unter der dunklen Oberfläche im Kreis rennen!

Und „zu schnell“ weiterlaufen? Ja, wenn der Kunde sich entschließt, erst aufzulegen, nachdem der vorherige Kunde schon wieder an seinen nächsten Einkauf denkt, dann ist es wirklich nicht verwunderlich, dass der Platz zwischen dem Ende des Bandes (und meinen mächtigen Händen) und dem schon abgesteckten Bereich des nächsten Kunden, sich mit rasender Schnelligkeit (dehnbarer Begriff) verkleinert.

An der Kasse #32

Der Einkaufswagen ist ein vielseitig zu verwendendes Hilfsmittel: Kinder benutzen es als Turn- und potentielles Unfallgerät, manche Kunden planen, ihren gesamten Haushalt mit in den Supermarkt zu bringen (Taschen, Körbe, Trolleys, Tüten, das Leergut, das eigentlich im Eingangsbereich abgegeben werden sollte, Müll von Zuhause wie Cornflakes-Verpackungen und Schokoriegelpapier, mehrere Jacken, Schals und Taschen…), der Einkaufswagen als Mülleimer! Das Verhältnis der Kunden zu den Wägen, diese Hass-Liebe, diese einseitige Nutzbeziehung und vor allem, die Arten Waren in das Gefährt zu laden (denn dazu sind sie eigentlich da), trägt des Öfteren zur Belustigung der Kassierkraft bei. Und es gibt eine Menge verschiedene Arten Lebensmittel und Co. in den Einkaufswagen zu verfrachten, hier nur eine beliebte Auswahl:

Da gibt es  zum Großteil die „Hektiker“.
Als wäre es nicht schon stressig genug, in einem riesigen (Größe ist Ansichtssache) Discounter vorbei an den unzähligen Putzwägen und Warenpaletten zur Kasse zu kommen (laut Kunden), nein! Da wird auf das Band geladen, was das Zeug hält (diesem Verhalten gebührt allerdings ein eigener Beitrag), schnell, schneller und sobald die Ware den Scanner mit einem piep überquert hat, wird danach gegrapscht, als würde darum gekämpft werden, das Raum-Zeit-Gefüge außer Kraft zu setzen. Bruchschäden und aufgeplatzte Joghurtbecher werden zwar nur ungern in Kauf genommen, aber Opfer muss der Kunde bringen.
Der Einkaufswagen: ein Schlachtfeld, Joghurts, Quark, frische Erdbeeren werden zerquetscht von riesigen Mengen Billigfleisch und Bierdosen aus dem Angebot. Hauptsache, das Wettrennen gegen die Superkräfte der Kassierkraft wird gewonnen. So schnell diese Kunden kommen, so rasch sind sie auch wieder verschwunden, wenn man Glück hat. Der Bezahlvorgang ist für manche von ihnen nämlich eher eine langsame Angelegenheit, schließlich muss doch irgendwann auch Luft geschnappt werden.

Vom unordentlichen Einkaufswagen zu den „Systematischen“. Das sind die Ordnungsfreaks unter den Kunden, die die sich im Kopf schon einen Plan gezeichnet haben, welches Produkt in welche Ecke in welchem Winkel und zu welchem Zeitpunkt eingeräumt werden soll. Das braucht Zeit und der Lebenspartner hat da seine Finger vom Wagen fernzuhalten, die Situation könnte sonst eskalieren: Ehekrach, lautstark an der Kasse. Ja, bitte, ist immer unterhaltend.

Diese Kunden sind in der Regel ebenfalls sehr gestresst, durchqueren doch ständig Begleiter und Kassierkräfte die  penibel geplante Konstruktion. Wir sind zu schnell, greifen  nicht zum richtigen Zeitpunkt nach dem gewünschten Produkt… Eine Tortur für beide Seiten.

Die „klugen Köpfe“ (das sind die Kunden, die ihren gesamten Hausstand mit in den Markt bringen) denken sich: warum nicht gleich meinen ganzen Einkauf in Tüten und Körbe packen? Dann muss ich das nicht mehr beim Auto oder zwei Minuten später am Rand des Ganges machen?“
Sie kosten Zeit, sind mit der Kassiergeschwindigkeit unzufrieden und packen erst alle Waren ein (und die stapeln sich natürlich auf der Ablagefläche), bevor sie bezahlen. Ja, sie kosten Zeit und Nerven. Mehr will ich dazu nicht schreiben.

Apropos, es gibt da eine bestimmte Kundin, die ist immer gestresst, ihre Nerven liegen blank (und zwar sowohl die in ihrem Kopf als auch die in ihrem Rücken, klagt sie doch ständig über Schmerzen).
Sie ist eine Kombination aus „klugem Kopf“, und „Systematikerin“. Nur beide Typen zugespitzt: z.B. immer eine Mischung aus Kästen aus dem Markt (muss 1,50€ Pfand dazu berechnet werden) und eigenen Kästen, Körben als Transportmittel. Dieses System erklärt sie umständlich und in weinerlichem Ton, ohne dabei Waren einzupacken. Die Ware türmt sich also währenddessen vor ihr auf, sie wird weinerlicher, die Schlange an der Kasse länger, die Kunden ungeduldiger und sie droht zu einem laufenden Nervenzusammenbruch zu werden. Und das jeden Monat einmal. Danke.

An der Kasse #31

Ein Kunde eilt mit seinem Kleinkind (ein Junge) an meiner Kasse vorbei.

Einige Zeit später kommt ein unangenehmer Duft auf. Niemand denkt sich etwas dabei. Doch irgendwann sagt eine Kundin:

„Schauen Sie mal auf den Boden!“

Und dort liegt, ganz unverhofft, ein kleiner Kackhaufen!
Hat das Kleinkind wohl durch die Hose verloren und nicht vermisst.

An der Kasse #30

Ich stehe am Band, ohne Kittel, an meinem freien Tag um (wie außergewöhnlich!) Lebensmittel einzukaufen. Eine Kassierkraft benötigt schließlich nicht nur Motorenöl und liebevolle Rückmeldung von den Kunden zum Leben.

Kundin: „Ach, ist das schön, Sie mal auf der anderen Seite zu sehen.“

Wären die Fronten ja geklärt!

Oder Kunde: „Na? Privat unterwegs? Kriegen wohl nicht genug, was?“

Nein, natürlich nicht. Ich liebe es so sehr, Ihnen auch in meiner Freizeit zu begegnen.

An der Kasse #29

Der aufmerksame Leser wird wohl mittlerweile schon mitbekommen haben, dass eine durchschnittliche Kassiererin mit einigen speziellen, vielleicht “ anspruchsvollen“ Kunden zu tun hat. Nun soll sie trotzdem die Haltung wahren, immer.

Was zählen billige Anmachsprüche, unfreundliche Kommentare und rüpelhafte Anschuldigungen? Die gute Kassierkraft wird weiter lächeln und nicken und hat währenddessen riesiges Kopfkino laufen. Oh ja.

Meine 3-Top-Fantasien, wenn Kunden „anspruchsvoll“ sind:

1. Der Kunde beleidigt mich, weil es keine Frischmilch mehr gibt („Die teure ist da, aber nicht eure Eigenmarke! Das ist doch Strategie!“)

Ich springe auf, reiße die Milch auf und schütte sie dem Kunden mit einem verrückten Lachen über den ganzen Körper. Ich lasse sie über die gegelte Frisur laufen, in den Kragen und auf die Lederschuhe und dann bewerfe ich ihn Vogelfedern, die zufällig in meiner Jackentasche lagen.

Dieses Szenario ist mit sämtlichen Lebensmitteln zu verwirklichen, die Federn sind auch nur eine spontane Eingebung.

2. Der Kunde ist unzufrieden mit der Kassierleistung („Können Sie nicht schneller machen? Warum sind Sie so schnell? Hat Ihnen niemand Mathe in der Schule beigebracht? Warst du überhaupt auf der Schule?“)

Ich schiebe mich samt Stuhl vom Kassierpult weg, erhebe mich majestätisch und zeige auf den leeren Platz. Währenddessen stapeln sich die Wägen am Ende des Bandes, die Kunden werden laut, scharren mit den Rollen ihrer Gefährte, drohen vor Ungeduld zu zerbersten. Dann bitte ich den Kunden, ganz einfach, sich selbst abzukassieren. Denn er kann das besser, weiß, wie das Kassensystem funktioniert und darf dann auch gleich seine Waren einpacken. Und habe ich es schon erwähnt? Jeder doppelt gescannte Artikel bleibt im System und muss bezahlt werden. Keine Stornos! Viel Spaß!

3. Der Kunde bringt irgendeinen dummen Spruch, hält sich für lustig und ist somit schon der 100. des Tages (Kein Kommentar dazu)

Ich stehe auf, schreie, schreie lauter, werfe alle Artikel auf den Boden (am liebsten Mehl) und laufe herum und fange an zu rennen und ignoriere sämtliche Kunden. Vor allem aber schreie ich und renne ich. Das stelle ich mir sehr befreiend vor.

An der Kasse #28

via Pinterest

An der Kasse #27

Stammkunden. Ich habe ein paar der Exemplare, die meinen Markt heimsuchen, ja bereits beschrieben. So zum Beispiel die Katzenfrau, oder den Mann, der mir mit der Dunkelheit gedroht hat.

Doch was ist diese seltsame Spezies eigentlich? Die wieder und wieder den gleichen Ort zum jagen wählt und sich dort jedes Mal die selben Opfer wählt? Man sollte doch meinen, ein Mensch, der häufig wiederkommt, ist zufrieden und glücklich an diesem Ort. Falsch gedacht, meine Kunden haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Kassierer und Marktarbeiter zu terrorisieren. Es ist ihr Vergeltungsschlag gegen das System, die hohen Preise und die Milchkuh von nebenan.

Ich würde gerne verschiedene Typen der Spezies Stammkunde vorstellen:

1. Der Anrufer. Jede Woche erhält die Infokraft mehrmals mittags einen Anruf, sie soll doch bitte fünf Laugenbrötchen auf 19 oder 20 Uhr hinterlegen lassen. Das ist sehr wichtig, denn ohne dieses Lebensmittel kann der Mann nicht überleben. Es kommen noch Anrufe hinzu, wenn es einen bestimmten Artikel im Angebot gibt, die Cola zur Neige geht oder…

Tatsächlich betritt der Herr dann um Punkt 19 oder 20 Uhr unseren Markt, breitet seine müffeligen Arme aus und begrüßt sein Eigentum. Im Schlepptau hat er seinen Sohn, seinen anderen Sohn, die Tochter und deren Mann. Gemeinsam durchqueren sie den Laden im Schneckentempo. Der Mann ist nämlich ein Walross, mit Zucker in den Waden, Raucherlunge und Urinbeutel am linken Bein baumelnd (nur nach Operationen, wie er uns gerne erzählt). Auf seiner Liste stehen die fünf Laugenbrötchen, zwei Plastikflaschen Cola 1,5 Liter und drei verschiedene Sorten Punika. An der Kasse legt er gemächlich auf, da kann es noch so viel Betrieb haben, bezahlt mit der gleichen Ruhe und räumt noch langsamer wieder ein. Während sich sein betörender Duft verbreitet, werden die Kunden ungeduldig und schieben eventuell noch mir die Schuld in die Schuhe, sogar für den Geruch soll ich verantwortlich sein. Aber natürlich! Wenn man Glück hat, darf man das Ganze dreimal an einem Abend miterleben, denn dann hat er wohl etwas noch im Markt vergessen. Die restliche Zeit, die ihm verbleibt, bis seine erwachsenen Kinder eingekauft haben, verbringt er auf einem Stuhl beim Metzger gegenüber der Kassen mit einer Glasflasche Cola 0,5 Liter.

2. Die MHD-Frau. Sie betritt den Markt. Bewaffnet mit Adlerblick und einer Tasche, in der sie Lebensmittel versteckt, die abgelaufen sind. (Für den Fall, dass es heute keine Beute im Markt gibt!) Dann geht sie an die Ölregale, die Joghurtregale und an ihre Verstecke. Ihre Verstecke sind Orte, wie der Wühltisch. Dort hat sie vor gewisser Zeit dann Wurst oder Käse hinterlegt, mit dem Wissen, dass das Zeug ja wohl mittlerweile verdorben oder abgelaufen sein müsste. Das sammelt sie ein. Falls das Versteck von uns bösen Mitarbeitern schon entdeckt und beseitigt wurde, wühlt sie sich eben durch die Babynahrung. Findet sie auch dort nichts, packt sie ihre abgelaufene Schokolade aus, legt sie nieder, hebt sie auf und rennt damit zur Information um sich zu beschweren. Warum sie das mehrmals im Monat tut?

Eigene Aussage: „Ich hasse euch! Ich hasse den Markt! Ich hasse alles hier. Ich mache das, damit ihr Arbeit habt und Probleme bekommt. Weil – ich – euch – hasse!“

3. Der Verbraucherschützer. Er taucht auf, in Jogginghose, mit intellektuellem Gerede und lichtem Haar. Manchmal mehrmal im Monat, dann wieder einige nicht. Seine Mission: Missstände aufklären, uns dafür verantwortlich machen und mit dem Verbraucherschutz drohen. Der aktuellste Fall (und er hat mal wieder gedroht, nie wieder den Laden zu betreten) umfasst die nun modernen „ice Watches“ bzw. deren Nachbildungen, die es alle paar Wochen in sämtlichen Supermarktketten im Angebot für 7 oder 8 Euro zu erwerben gibt und die sich größter Beliebtheit erfreuen. Nun hatten wir vor zwei Monaten das Angebot. Die Mitarbeiter haben aber im Voraus den größten Teil davon schon selbst gekauft, entsprechend riesig war die Empörung und Enttäuschung der Kunden, die auch gerne eine bekommen hätten. Kurz danach hatten wir sie wieder im Angebot. Der Verbraucherschützer kam gegen Ende der Woche an die Information. Wutentbrannt. (Guter Mann, Angebote sind meistens dienstags schon ausverkauft, weil sie nur in begrenzter Stückzahl geliefert werden, wie es auch auf den Plakaten steht. Das steht da nicht? Nein? Schauen Sie mal genau!)

Kunde: „Ich wollte diese Uhren. Sie sollen ein Geschenk für meine Verwandtschaft in Schweden sein!“

Info: „Tut uns wirklich Leid, die Uhren sind seit Montag ausverkauft. Aber die kommen bestimmt wieder in der Werbung.“

Kunde: „Das geht nicht. Ich brauche diese Uhren. Ich habe jetzt teurere bei (Name einer anderen Supermarktkette) gekauft und sie verschickt. Nun fordere von Ihnen die Differenz zurück! Jede Uhr hat 20 Euro gekostet und ich habe fünf gekauft!“

Er wedelt mit dem Kassenzettel.

Info: „Das können wir leider nicht machen. Tut mir Leid. Aber nächste Woche sind sie, glaube ich, bei (Name einer anderen Supermarktkette) im Angebot.“

Es folgt ein weiterer Wutausbruch über den Verbraucherschutz, Anklage, Menschenrechte. Schließlich zieht er enttäuscht ab, mit dem Vorhaben nie wieder einen Fuß in unsere Hölle zu setzen. Gerne, freut uns.

 

Das also als „kurzer“ Einblick in die Spezies Stammkunde. Bei Gelegenheit mehr, schließlich habe ich noch gar nichts vom Versicherungsbetrüger, der Kugelschreiber-Diebin und Videokassetten-Verfechterin geschrieben. Alles reizende Persönlichkeiten.

An der Kasse #26

Das Jahr neigt sich dem Ende, meine Kassierfähigkeit wird deshalb noch einmal besonders gefordert. Arbeitet man nicht an Weihnachten, hat man das Glück, den Kunden ein letztes Mal an Silvester zu begegnen. 

Man sollte ja meinen, die Menschen decken sich schon früher mit essentiellen Lebensmitteln wie Feuerwerkskörpern ein. Aber nein, da wird gewartet bis 15:59, dann stürmt man in eben dieser letzten Minute in den Laden und steht schließlich enttäuscht vor dem leergeräumten Regal. Ja, liebe Kunden, auch andere Menschen haben Raketen gerne auf ihren Tellern. Nächstes Jahr halt früher dran sein…

Doch das sieht der Kunde selbstverständlich nicht ein. Auch wenn er erst eine Minute vor Ladenschluss einkaufen möchte, muss für ihn alles perfekt arrangiert sein. Was? Kein roter Teppich? Die Banane hat eine braune Stelle? Die Haare der Kassiererin sind plötzlich heller? Wo ist die Brille und vor allem warum sind so viele Menschen einkaufen? (Beliebteste Beschwerde an der Information zu Weihnachten dieses Jahr, habe ich aus erster Hand!)

Es wird erwartet, dass zu Weihnachten und Silvester kaum ein Mensch unterwegs ist. Die anderen sollen schön zuhause sitzen und ihr Raclette anschalten, die Gans braten, ihre Einkäufe verstauen, aber sie sollen bitte nicht auf die Idee kommen, ihren Monatseinkauf gerade an diesen Tagen zu machen. Das hat der Last-Minute-Kunde nämlich selbst vor!

Arme Kunden, damit kann ich absolut nicht dienen. Jeder möchte mich mit seinem Besuch und seiner fabelhaften Laune vor den Feiertagen beglücken. Ich kann nur mein wunderbarstes und vergnügtestes Lächeln aufsetzen, weil es ja so schön ist, griesgrämige Damen und den Tränen nahe Männer (kein Feuerwerk dieses Jahr) zu bedienen. 

Und dabei müsste es gar nicht so ablaufen! Ein kleines Geheimnis: Unsere Kette hatte sowohl vor den Weihnachtsfeiertagen, als auch jetzt vor Silvester entweder bis 00:00 oder 23:30 geöffnet! Ich saß mutterseelenallein in meinem kleinen Kasten und wartete darauf, dass Kunden zu mir einkaufen kommen. Aber niemand kam, niemand beglückte mich. 

Sie wussten scheinbar nicht, dass wir längere Öffnungszeiten haben, sie haben sich tatsächlich die Gelegenheit entgehen lassen, so lange im Laden herumzutrödeln, dass sie sogar in der ersten Minute eines Sonntags noch die heilige Luft des Supermarkts atmen können. 

Ich hatte in den insgesamt drei Tagen „Nachtschicht“ vielleicht fünf Kunden. Zwei davon waren Stammkunden, die sonst um 21:59 kurz vor Ladenschluss einkaufen kommen (nun eben um 23:59), eine erboste Dame, der ich keinen Alkohol mehr verkaufen durfte („Machen Sie doch eine Ausnahme!“ „Tut mir Leid, aber ich werde wegen Ihnen nicht das Gesetz brechen und mich strafbar machen“ „Dann überlege ich mir zweimal, ob ich noch einmal zu Ihnen komme!“) und ein Ehepaar, dessen gemeinsamer Einkauf scheinbar schon Grund genug war, einen riesigen Krach vor meinen Augen zu vollführen. Es ging unter anderem um Geschenkpapier.

Ich hatte mir diese Stunden ehrlich gesagt spannender vorgestellt, aber eine Kassiererin darf einfach nicht zu viel erwarten… 

 

Deshalb meine guten Vorsätze für ein weiteres Jahr als erfolgreiche Kassiererin: 

 

  • Mein Markt ist immer schlechter, als alle ALLE anderen der Kette und bei uns gibt es NIE auch nur einen Artikel, das muss ich akzeptieren und vor allem muss ich die Schuld dafür auf mich nehmen.
  • Ehekrach? An meiner Kasse? Ich bin schuld und akzeptiere das. 
  • Morddrohungen, Heiratsanträge und Adoptionsangebote von Kunden wickle ich mit einem Lächeln ab, denn ich bin schuld.
  • Ich maße mir nicht mehr an, Kunden zu korrigieren, wenn sie eine falsche Frucht kaufen. 
  • Ich versuche mich ins System zu hacken um den Kunden ihre Preiswünsche zu erfüllen. Denn laut Kunde, mache ich die Preise und der Kunde hat immer recht, so wie ich immer die Schuld trage.
Auf ein erquickliches Jahr 2013!

 

An der Kasse #25

Immer wenn sich Kunden in die Hand husten, rede ich mir ein, dass sie nur an Raucherhusten leiden.

An der Kasse #24

Kunde lässt an der Kasse zwei gläserne Ölflaschen auf einen meiner Finger fallen:

„Ach Gott sei Dank! Ist ja nichts passiert!“

Nein, nichts. Tut auch nicht weh. Außerdem habe ich noch neun andere.