Absurditäten im Leben einer Kassiererin

Monat: November, 2012

An der Kasse #18

Manche Kunden können es gar nicht erwarten, endlich ihre Ware einzupacken. Wer kann es ihnen verübeln? Es kommt scheinbar Weihnachten gleich, seine Fertigpizza oder die Bananen schneller einzupacken als sein Nachbar oder gar der Ehepartner.

Sollen sie ruhig machen, so kann ich immerhin auch zügiger kassieren und mich über mehr Kunden pro Stunde freuen, die mich göttergleich behandeln.

Doch dieses Verhalten hat eine beachtliche Nebenwirkung: Die Kunden werden zu Raubtieren, fahren ihre Krallen aus: geputzte, manikürte, gelackte oder Fingernägel mit dem Dreck der letzten Baustelle oder des letzten Ausflugs in sämtliche Körperöffnungen. Lecker.

Sobald das Tier das „Piep“ hört, schaltet es sämtliche Sinne aus, konzentriert sich nur noch darauf, möglichst schnell die Ware aus meinen Händen herauszuklauben, es muss nur den Scanner überquert haben. Alles was im Wege steht, wird blind entfernt, weggewischt (wie Geldbeutel mit Kleingeld, das dann den gesamten Boden bedeckt – egal, kümmern wir uns später drum!) oder gekratzt.

Es stört mich nicht, wenn sie sich bei ihrem Raubzug gegenseitig ihre Nägel ins Fleisch hauen. Anders wird es aber, wenn ich das Opfer bin, weil ich meine flinke Hand eben nicht schnell genug weggezogen habe. Kommt es einmal zu so einem Zusammenstoß, durchzuckt es meinen ganzen Körper. Ein Gefühl des Ekels breitet sich aus. Die Wunde klafft auf, der Schmerz ist nur zweitrangig, Schnellzüge von Gedanken durchrauschen mich eher: Wie sehen die Nägel aus? Mann oder Frau? Welches Umfeld? Wie tief ist die Wunde, bleibt eine Narbe? Dann der Schmerz.

Aber es kann noch besser kommen. Im unwahrscheinlichsten Fall handelt es sich beim Raubtier um einen gepflegten Menschen, der sich entschuldigt. Im realistischen und meistens eintretenden Fall, darf ich mich mit verunreinigten Krallen herumschlagen und muss mich sogar noch dafür entschuldigen, dass mein eigenes Fleisch der Wurstpackung im Weg war.

Entschuldigung, dass Sie mir eine weitere Narbe und einen Schauer des Ekels beschert haben. Kassieren Sie doch am besten selbst Ihre Opfer ab. Danke.

via Cape Cod Collegiate

An der Kasse #17

„Eichkaffee! Der fehlt seit Wochen!“

Älterer Herr, an der Information, beugt sich fast komplett über die Theke.

„Welche Sorte oder Marke denn?“

Kunde: „Keine Ahnung! Der fehlt seit Wochen! Sorten sind Vanille und Schoko“

„Ich schreib’s auf! Ist die Marke Eichkaffee?“

K: „ja!“

Eine Kollegin stellt sich neben mich und flüstert mir zu, dass der Kunde Eiskaffee meint. Innerlich zerberste ich.

„Ich schreibe den Eiskaffee für die Abteilung auf!“

Der Kunde beugt sich zufrieden zurück, zwinkert und ist ungeheuerlich lustig, indem er abschließend sagt:

„Wenn der nächste Woche nicht da ist, lädst du mich zum Essen ein!“

Hahaha, ja. Nicht!

An der Kasse #16

Da meine Kunden ganz besondere Menschen sind, haben sie auch außergewöhnliche Angewohnheiten. Eine davon… sie betätigen sich gerne als Produkttester, ohne danach zu bezahlen.

Ist ja schön, dass Sie um das Wohl ihres Magens und aller anderen Kunden besorgt zu sein scheinen. Möchte man auch ein Produkttester werden, sollte man folgende Tipps von Kunden beachten:

Schmeckt der Energydrink oder wirkt er überhaupt, wenn ich gleich mit meiner Horde junger Wilder feiern gehe? Kein Problem, ich öffne einfach mal schnell die kleine Dose, trinke sie aus und stelle sie beim Alkoholregal ab. Vielleicht setzt die Wirkung ja gleich ein?

Eine Traube, zwei Trauben… hmmmm, nein. Ich verspeise gleich mal einen ganzen Stängel. Könnte ja eine schlechte dabei sein. Das möchte ich den anderen Kunden aber nicht antun.

M&Ms. Da hab ich jetzt Lust drauf. Aber welche Sorte? Was, wenn ich sie nicht mag? Ach, reiß ich mal eine Packung auf und nasche davon bis ich an der Kasse stehe. An der Kasse werde ich die zu 3/4 geleerte Packung am Anfang des Bandes abstellen und so tun, als wäre es nicht meine gewesen. Dabei ist es total gerechtfertigt! Schließlich bin ich mir sicher, dass die Packung nicht richtig befüllt war. Ups! Die Kassiererin sieht mich, beobachtet mich mit ihrem gruseligen Adlerbick – na macht nichts – sie wird schon nichts sagen.

Auch ganz toll ist es, Fleisch unter Klamottenberge im Schnäppchenmarkt zu vergraben, Joghurt und Käse zwischen Zeitschriften zu schmeißen oder Fisch zwischen die Zigarettenständer an der Kasse fallen zu lassen. Danke.

via oh snap

An der Kasse #15

Häufigste Kundenfragen an der Kasse (am besten über sämtliche Kunden hinweg, von der Kasse gegenüber oder von der Kasse dahinter, in den Rücken gespiekst):

1. Wo ist die Toilette/Das Klo? (Oder ganz charmant: Ich muss mal!)

2. Können Sie das nicht reduzieren? (Oder: Wie viel kostet das? – Nee, zu teuer.)

3. Könnt ihr nicht noch eine Kasse aufmachen? (Netter: Macht verdammt nochmal eine neue Kasse auf!)

4. Kann ich bei Ihnen/dir mein Kleingeld loswerden? (Antwort wird nicht abgewartet, stattdessen stellt der Kunde seinen Geldbeutel auf den Kopf und lässt die Tonnen „Rosa Geld“ auf die Kassenfläche purzeln. Ich darf dann 10 Euro in Kleingeld zusammensuchen.)

 

Und mein persönlicher Favorit: 

5. Wohlhabender Kunde, eventuell im Bildungsbereich tätig, oder SAP, Ende 40 und vermutlich zu viel Zeit:

„Na? Wie viel Kilo ziehen Sie so am Tag über die Kasse?“

Antwort: Keine Ahnung?!? Tut mir leid!

Am nächsten Tag, gleicher Kunde: 

„Na? Wissen Sie es jetzt?“

Ich, noch mehr verwirrt und ein wenig (innerlich) genervt, da ich wieder seine zwei Six-Packs 1,5 Liter Wasser über das Band ziehen darf.

„Tut mir Leid, ich beschäftige mich nicht mit dem exakten Gewicht der Waren, die hier durch meine Hände gehen, aber eines versichere ich Ihnen: Es bestimmt ein hoher Wert.“

An der Kasse #14

Manchmal (oder auch öfter) riecht es an der Kasse plötzlich ganz seltsam. Der Duft steigt langsam, gemächlich in meine Nase und bleibt dort hängen.
Es riecht nach altem, geschälten Ei oder Schießpulver und nassem Hund. Wäre dieser Geruch, dieses fabelhafte Lüftchen sichtbar… Bestimmt müsste es ein Rosa Wölkchen sein.

Ja, ja, es pupsen mehr Kunden heimlich an meiner Kasse, als man denkt.

An der Kasse #13

Eine gutbürgerliche Familie schiebt ihren Wagen an mir vorbei. Im Wagen: ein Kleinkind, verpackt in der aktuellen H&M Kollektion, zwei Kästen Bier. Der Rest auf dem Band.

Die Eltern, gut angezogen, gepflegt –

„Bier!“ ruft das Kind und klatscht verzückt in die Hände.

Als wären das die ersten Worte des Kleinen gewesen, läuft die Mutter dunkelrot an, der Vater stammelt vor sich hin. Und was ich jetzt wohl von ihnen denken würde?

Ach, ihr guten Kunden, ich hatte einfach meinen Spaß.

An der Kasse #12

„Mensch, Sie sind aber nett!“

Kundenpärchen, Ende 70, nach ihrem Einkauf. Er kommt zurück gehumpelt. 

„Bitte lächeln!“ KLICK.

Mein Gesicht, schockerstarrt, in einer kleinen Digitalkamera festgehalten. Der Kunde humpelt doppelt so schnell zum Ausgang. 

 

Ein Jahr später erfahre ich, dass das für die Galerie der „netten“ Kassiererinnen war. Ein Hobby des guten Mannes. Na danke. 

An der Kasse #11

Die Kassierkraft eignet sich übrigens hervorragend als Spionageobjekt. Und da Kunden scheinbar ein riesiges Talent in diesem Bereich haben, wird sie des öfteren Opfer dieses „Hobbys“. 

Obwohl groß auf dem Namensschild Vor- und Zuname stehen, beinahe so grell und beleuchtet, wie eine Reklametafel, denkt die Kassiererin eigentlich nichts Böses. Denn Kunden schauen entweder an ihr vorbei, durch sie durch, auf ihr Handy, den Einkauf oder auf den Boden. Aber ganz allgemein eben nicht in ihr Gesicht, oder auf ihr Schild. 

Und dennoch kommt es vor, dass so mancher Hobby-Detektiv à la Sherlock Holmes es sich zum Hobby macht, uns unschuldige Wesen zu stalken. Auf Facebook, an der Information oder sonst wo. Diese Gattung  Kunde sieht wie folgt aus: Mindestens 30, bestimmt nicht ledig, Familienvater, gerade die Social Networks für sich entdeckt. Traurig, aber wahr. 

Wenn es harmlos ist, wird man lediglich „angestupst“, ist der Detektiv forscher oder mutiger (nenne man es wie man will…), dann erfolgt eine erste Kontaktaufnahme mit dem Wesen „Kassiererin“ per Nachricht. Und reicht das nicht aus, erfolgt gleich die Freundschaftsanfrage, trifft man sich doch jeden Tag im Supermarkt, ist vom Status ja mindestens Bekannter. 

Aber ich kann nur sagen: Lasst es, bleibt in eurem Reihenhaus, untersteht euch, uns auch noch in unserem Privatleben zu terrorisieren, mit Sprüchen wie 

„Hey hübsche Kassiererin, wie geht es dir?“

„Hallo [Name einer männlichen Kassierkraft], lass mal endlich einen Kaffee trinken gehen“

„Na? . . . „

Auch nicht gut ist es, wenn die Stalkerei plötzlich so weit geht, dass der Kunde an der Information schon mit Bestechungsgeld an die Handynummer des favorisierten Kassierers oder der geliebten Kassiererin gelangen möchte. 

Gott sei Dank begrenzen meine Erfahrungen sich nur auf Facebook. Anstupser kann man abwimmeln, Nachrichten ignorieren… und vor allem (falls es möglich ist), nur noch seinen Nachnamen auf dem Freischein für Spionagearbeit schreiben lassen.