Absurditäten im Leben einer Kassiererin

Monat: Dezember, 2012

An der Kasse #26

Das Jahr neigt sich dem Ende, meine Kassierfähigkeit wird deshalb noch einmal besonders gefordert. Arbeitet man nicht an Weihnachten, hat man das Glück, den Kunden ein letztes Mal an Silvester zu begegnen. 

Man sollte ja meinen, die Menschen decken sich schon früher mit essentiellen Lebensmitteln wie Feuerwerkskörpern ein. Aber nein, da wird gewartet bis 15:59, dann stürmt man in eben dieser letzten Minute in den Laden und steht schließlich enttäuscht vor dem leergeräumten Regal. Ja, liebe Kunden, auch andere Menschen haben Raketen gerne auf ihren Tellern. Nächstes Jahr halt früher dran sein…

Doch das sieht der Kunde selbstverständlich nicht ein. Auch wenn er erst eine Minute vor Ladenschluss einkaufen möchte, muss für ihn alles perfekt arrangiert sein. Was? Kein roter Teppich? Die Banane hat eine braune Stelle? Die Haare der Kassiererin sind plötzlich heller? Wo ist die Brille und vor allem warum sind so viele Menschen einkaufen? (Beliebteste Beschwerde an der Information zu Weihnachten dieses Jahr, habe ich aus erster Hand!)

Es wird erwartet, dass zu Weihnachten und Silvester kaum ein Mensch unterwegs ist. Die anderen sollen schön zuhause sitzen und ihr Raclette anschalten, die Gans braten, ihre Einkäufe verstauen, aber sie sollen bitte nicht auf die Idee kommen, ihren Monatseinkauf gerade an diesen Tagen zu machen. Das hat der Last-Minute-Kunde nämlich selbst vor!

Arme Kunden, damit kann ich absolut nicht dienen. Jeder möchte mich mit seinem Besuch und seiner fabelhaften Laune vor den Feiertagen beglücken. Ich kann nur mein wunderbarstes und vergnügtestes Lächeln aufsetzen, weil es ja so schön ist, griesgrämige Damen und den Tränen nahe Männer (kein Feuerwerk dieses Jahr) zu bedienen. 

Und dabei müsste es gar nicht so ablaufen! Ein kleines Geheimnis: Unsere Kette hatte sowohl vor den Weihnachtsfeiertagen, als auch jetzt vor Silvester entweder bis 00:00 oder 23:30 geöffnet! Ich saß mutterseelenallein in meinem kleinen Kasten und wartete darauf, dass Kunden zu mir einkaufen kommen. Aber niemand kam, niemand beglückte mich. 

Sie wussten scheinbar nicht, dass wir längere Öffnungszeiten haben, sie haben sich tatsächlich die Gelegenheit entgehen lassen, so lange im Laden herumzutrödeln, dass sie sogar in der ersten Minute eines Sonntags noch die heilige Luft des Supermarkts atmen können. 

Ich hatte in den insgesamt drei Tagen „Nachtschicht“ vielleicht fünf Kunden. Zwei davon waren Stammkunden, die sonst um 21:59 kurz vor Ladenschluss einkaufen kommen (nun eben um 23:59), eine erboste Dame, der ich keinen Alkohol mehr verkaufen durfte („Machen Sie doch eine Ausnahme!“ „Tut mir Leid, aber ich werde wegen Ihnen nicht das Gesetz brechen und mich strafbar machen“ „Dann überlege ich mir zweimal, ob ich noch einmal zu Ihnen komme!“) und ein Ehepaar, dessen gemeinsamer Einkauf scheinbar schon Grund genug war, einen riesigen Krach vor meinen Augen zu vollführen. Es ging unter anderem um Geschenkpapier.

Ich hatte mir diese Stunden ehrlich gesagt spannender vorgestellt, aber eine Kassiererin darf einfach nicht zu viel erwarten… 

 

Deshalb meine guten Vorsätze für ein weiteres Jahr als erfolgreiche Kassiererin: 

 

  • Mein Markt ist immer schlechter, als alle ALLE anderen der Kette und bei uns gibt es NIE auch nur einen Artikel, das muss ich akzeptieren und vor allem muss ich die Schuld dafür auf mich nehmen.
  • Ehekrach? An meiner Kasse? Ich bin schuld und akzeptiere das. 
  • Morddrohungen, Heiratsanträge und Adoptionsangebote von Kunden wickle ich mit einem Lächeln ab, denn ich bin schuld.
  • Ich maße mir nicht mehr an, Kunden zu korrigieren, wenn sie eine falsche Frucht kaufen. 
  • Ich versuche mich ins System zu hacken um den Kunden ihre Preiswünsche zu erfüllen. Denn laut Kunde, mache ich die Preise und der Kunde hat immer recht, so wie ich immer die Schuld trage.
Auf ein erquickliches Jahr 2013!

 

An der Kasse #25

Immer wenn sich Kunden in die Hand husten, rede ich mir ein, dass sie nur an Raucherhusten leiden.

An der Kasse #24

Kunde lässt an der Kasse zwei gläserne Ölflaschen auf einen meiner Finger fallen:

„Ach Gott sei Dank! Ist ja nichts passiert!“

Nein, nichts. Tut auch nicht weh. Außerdem habe ich noch neun andere.

An der Kasse #23

An die Kasse fährt eine Frau mit zwei kleinen Kindern im Wagen, sie lädt auf, wirkt äußerst gebildet, die Kinder dementsprechend ungezogen. Das ältere von beiden, ein Mädchen, plötzlich:

„Ich will auch gekauft werden! Also muss ich auch aufs Band!“

Die Mutter ignoriert ihre Tochter, der kleine Sohn starrt mich an und brabbelt unverständliches Zeug. Ich lächle. Währenddessen vollführt das Mädchen wahre akrobatische Bewegungen um vom Kindersitz des Einkaufswagens aufs Band zu krabbeln. Erklärung:

„Ich will ja auch gekauft werden!“

Die Mutter reagiert noch immer nicht, der Kleine brabbelt weiter. Schließlich wendet sie sich an ihr Kind, als dieses schon freihändig auf dem kleinen Plastiksitz steht:

„Lass das lieber! Ich weiß ja nicht, wie viel Spaß die hier verstehen. Setz dich wieder.“

Dass das Kind fallen könnte…

„Aber ich will doch für 9 Euro gekauft werden“

Brabbeln. Mein Lächeln ist noch immer da und ich bringe den Satz, den ich immer sagen muss, wenn Eltern scherzen, was ihre Kinder denn kosten.

„Ach, aber du bist doch unbezahlbar!“

„Nein, ich will gekauft werden, für 9 Euro!“

Die Frau zahlt und will gehen, dann merkt sie, dass wohl noch ein Kind fehlt und sagt ganz bestimmt:

„Wenn es vorbei kommt, sagen Sie gerade, dass wir beim Bäcker sind!“

An der Kasse #22

Bei meinen Kunden herrscht nicht nur am 21. Dezember Weltuntergangsstimmung. Nein, jedes Wochenende und vor allem vor jedem Feiertag ereilt die guten Leute das Gefühl, sie müssten noch einmal richtig viel Geld ausgeben um dann mit einem vollen Kühlschrank zu sterben.

Da wird gekauft, was das Zeug hält. Pizzavorrat für zehn Jahre, tausende Rollen Klopapier, Schokolade… ja Schokolade. Und Fleisch. Denn wer viel in seinen Wagen packt, der wird nicht vom Kometen getroffen, den verschont eine Hitzewelle und der wird vor allem nicht von Aliens entführt.

Also geht man munter, mit düsterer Stimmung in den Supermarkt und kämpft sich durch das Schlachtfeld an Einkaufswägen, dicken Hintern und kreischenden Babys. Sein eigenes Leben sollte einem ja schon mehr wert sein, als so ein kleiner Kampf um den Platz in der Schlange an der Kasse.

Die Artikel im Regal sind leer? Ja, lieber Kunde, das Mehl wird nach dem Feiertag oder am Montag bestimmt nicht mehr aufgefüllt. Pech gehabt, keine Mehlschlacht mehr im Keller, bevor die Welt untergeht.

Für uns Kassierer sind deshalb Weihnachten, Pfingsten und sämtliche andere Feiertage ein riesiger Spaß. Wir sind schließlich daran schuld, dass die Kunden überhaupt an den Weltuntergang denken müssen. Könnten sie auch Sonntags oder an Feiertagen einkaufen… wer würde sich denn Sorgen machen? Liefe doch alles wie gewohnt? Sie würden im Falle eines Endzeit-Szenarios glückselig an der Kasse herummeckern und beim Bezahlen mit der Karte erschlagen oder entführt werden. Schadensersatz dürften sie dann ja sogar auch noch fordern! Traumhaft… Stattdessen haben wir die Frechheit, uns einen Tag frei zu nehmen und die Kunden ihrem Unglück zu überlassen. Böse Welt.

„Gebt mir eine große Idee,
dass ich an ihr gesunde“

– Johann Gottfried Herder

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Photo: Veronica Dotter

NY, MET, Auguste Rodin.

– Auch wenn Camille talentierter war

Unbeantwortete Fragen #4

Was genau ist Blödsinn und wer entscheidet darüber?

An der Kasse #21

Erklärung eines kleinen Jungen, warum manche Artikel (wie auch seine Lieblingsweihnachtsschokolade) so hoch im Regal stehen:

„Zur Sicherheit! Damit die nicht so schnell leer ist.“

Süß.

An der Kasse #20

Kunden können auf unterschiedlichste Weise bezahlen, wichtig ist nur, dass sie es tun. Die Geschäftsleitung interessiert nicht, ob der Geldschein nun mehrfach als Taschentuch missbraucht  oder enthusiastisch abgeschleckt wurde. Gewinn! Darum geht es.

Nun kann der Kunde aber auch galant seine EC-Karte zücken (Und nein, Kreditkarte nehmen wir nicht!) und ganz ohne Bargeld seinen Kauf abwickeln. Das ist bequem, sollte schnell gehen und zuverlässig sein. Haha!

Abgesehen von der typischen Situation, dass der Kunde kein Guthaben mehr auf der Karte hat, können sich folgende Situationen ergeben, die mir manchmal, zumindest innerlich, den letzten Nerv rauben:

1. „Hm… da habe ich wohl dreimal den falschen Pin eingegeben. Ups.“

Gerade vor zwei Tagen kommt gegen 21 Uhr ein Ehepaar um noch seinen Wocheneinkauf zu erledigen (Bar) und anschließend einen Laser-Haar-Entferner für gut 200 Euro mit Kreditkarte (Tut mir Leid, Kreditkarte nehmen wir nicht) zu zahlen. Muss also die EC-Karte herhalten. Nun suchen die Herrschaften in ihrem Handy nach dem Pin, finden drei, alle falsch. Die Karte gesperrt, aus der Traum vom haarfreien Rücken. Falsch gedacht. Ich nehme den Artikel mithilfe einer Bonrückstellung zurück, die Kunden möchten schnell Geld holen oder noch besser eine andere Karte. Gut, ich warte, kassiere weiter… Sie kommen schließlich wieder. Nicht mit Bargeld aber scheinbar anderer Karte.

„Ist das eine andere Karte? Die von eben haben Sie ja gesperrt. Die wird nicht mehr gehen.“

„Ja, ja!“

Es war dieselbe.

„Hm.. ist die Karte wohl gesperrt, weil wir den Pin zu oft eingegeben haben.“

„Ja.“ Gedanke: IHR SEID JA KLUG.

2. Es gibt einen Kunden, der kommt regelmäßig. Hat noch nie Bargeld in seiner Hand gehalten. Er hasst Menschen, meine Supermarktkette und die Welt überhaupt. Jedes Mal wuchtet er seinen leicht (LEICHT) korpulenten  Körper, halb auf dem Wagen gelehnt, um die Ecke ans Ende des Bandes und räumt gemächlich, keuchend ein. Danach möchte er mit Karte zahlen und „selbstverständlich“ den Kassenbon mitnehmen.

Er unterschreibt, verweilt, keucht, und streicht dann noch gemächlicher jede einzelne Zeile der Bedingungen durch. Und das jedes Mal. Guter Mann, wenn Sie Ihre Privatsphäre unbedingt schützen wollen, zahlen Sie einfach mal bar.

3. Nein, mit der Krankenkassenkarte kann man nicht zahlen. Mit dem Motorclub-Ausweis auch nicht. Und nein, nicht mit der Kreditkarte. Nein!

4. Scheinbar möchten einige Kunden Ordnung auf dem Konto. Sie legen mir also 99 Cent auf die Kasse und fordern dann zuckersüß die restlichen 10 Euro per Karte zu zahlen. Gerne, immer doch.