An der Kasse #26

von veronicadotter

Das Jahr neigt sich dem Ende, meine Kassierfähigkeit wird deshalb noch einmal besonders gefordert. Arbeitet man nicht an Weihnachten, hat man das Glück, den Kunden ein letztes Mal an Silvester zu begegnen. 

Man sollte ja meinen, die Menschen decken sich schon früher mit essentiellen Lebensmitteln wie Feuerwerkskörpern ein. Aber nein, da wird gewartet bis 15:59, dann stürmt man in eben dieser letzten Minute in den Laden und steht schließlich enttäuscht vor dem leergeräumten Regal. Ja, liebe Kunden, auch andere Menschen haben Raketen gerne auf ihren Tellern. Nächstes Jahr halt früher dran sein…

Doch das sieht der Kunde selbstverständlich nicht ein. Auch wenn er erst eine Minute vor Ladenschluss einkaufen möchte, muss für ihn alles perfekt arrangiert sein. Was? Kein roter Teppich? Die Banane hat eine braune Stelle? Die Haare der Kassiererin sind plötzlich heller? Wo ist die Brille und vor allem warum sind so viele Menschen einkaufen? (Beliebteste Beschwerde an der Information zu Weihnachten dieses Jahr, habe ich aus erster Hand!)

Es wird erwartet, dass zu Weihnachten und Silvester kaum ein Mensch unterwegs ist. Die anderen sollen schön zuhause sitzen und ihr Raclette anschalten, die Gans braten, ihre Einkäufe verstauen, aber sie sollen bitte nicht auf die Idee kommen, ihren Monatseinkauf gerade an diesen Tagen zu machen. Das hat der Last-Minute-Kunde nämlich selbst vor!

Arme Kunden, damit kann ich absolut nicht dienen. Jeder möchte mich mit seinem Besuch und seiner fabelhaften Laune vor den Feiertagen beglücken. Ich kann nur mein wunderbarstes und vergnügtestes Lächeln aufsetzen, weil es ja so schön ist, griesgrämige Damen und den Tränen nahe Männer (kein Feuerwerk dieses Jahr) zu bedienen. 

Und dabei müsste es gar nicht so ablaufen! Ein kleines Geheimnis: Unsere Kette hatte sowohl vor den Weihnachtsfeiertagen, als auch jetzt vor Silvester entweder bis 00:00 oder 23:30 geöffnet! Ich saß mutterseelenallein in meinem kleinen Kasten und wartete darauf, dass Kunden zu mir einkaufen kommen. Aber niemand kam, niemand beglückte mich. 

Sie wussten scheinbar nicht, dass wir längere Öffnungszeiten haben, sie haben sich tatsächlich die Gelegenheit entgehen lassen, so lange im Laden herumzutrödeln, dass sie sogar in der ersten Minute eines Sonntags noch die heilige Luft des Supermarkts atmen können. 

Ich hatte in den insgesamt drei Tagen „Nachtschicht“ vielleicht fünf Kunden. Zwei davon waren Stammkunden, die sonst um 21:59 kurz vor Ladenschluss einkaufen kommen (nun eben um 23:59), eine erboste Dame, der ich keinen Alkohol mehr verkaufen durfte („Machen Sie doch eine Ausnahme!“ „Tut mir Leid, aber ich werde wegen Ihnen nicht das Gesetz brechen und mich strafbar machen“ „Dann überlege ich mir zweimal, ob ich noch einmal zu Ihnen komme!“) und ein Ehepaar, dessen gemeinsamer Einkauf scheinbar schon Grund genug war, einen riesigen Krach vor meinen Augen zu vollführen. Es ging unter anderem um Geschenkpapier.

Ich hatte mir diese Stunden ehrlich gesagt spannender vorgestellt, aber eine Kassiererin darf einfach nicht zu viel erwarten… 

 

Deshalb meine guten Vorsätze für ein weiteres Jahr als erfolgreiche Kassiererin: 

 

  • Mein Markt ist immer schlechter, als alle ALLE anderen der Kette und bei uns gibt es NIE auch nur einen Artikel, das muss ich akzeptieren und vor allem muss ich die Schuld dafür auf mich nehmen.
  • Ehekrach? An meiner Kasse? Ich bin schuld und akzeptiere das. 
  • Morddrohungen, Heiratsanträge und Adoptionsangebote von Kunden wickle ich mit einem Lächeln ab, denn ich bin schuld.
  • Ich maße mir nicht mehr an, Kunden zu korrigieren, wenn sie eine falsche Frucht kaufen. 
  • Ich versuche mich ins System zu hacken um den Kunden ihre Preiswünsche zu erfüllen. Denn laut Kunde, mache ich die Preise und der Kunde hat immer recht, so wie ich immer die Schuld trage.
Auf ein erquickliches Jahr 2013!

 

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