An der Kasse #27

von veronicadotter

Stammkunden. Ich habe ein paar der Exemplare, die meinen Markt heimsuchen, ja bereits beschrieben. So zum Beispiel die Katzenfrau, oder den Mann, der mir mit der Dunkelheit gedroht hat.

Doch was ist diese seltsame Spezies eigentlich? Die wieder und wieder den gleichen Ort zum jagen wählt und sich dort jedes Mal die selben Opfer wählt? Man sollte doch meinen, ein Mensch, der häufig wiederkommt, ist zufrieden und glücklich an diesem Ort. Falsch gedacht, meine Kunden haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Kassierer und Marktarbeiter zu terrorisieren. Es ist ihr Vergeltungsschlag gegen das System, die hohen Preise und die Milchkuh von nebenan.

Ich würde gerne verschiedene Typen der Spezies Stammkunde vorstellen:

1. Der Anrufer. Jede Woche erhält die Infokraft mehrmals mittags einen Anruf, sie soll doch bitte fünf Laugenbrötchen auf 19 oder 20 Uhr hinterlegen lassen. Das ist sehr wichtig, denn ohne dieses Lebensmittel kann der Mann nicht überleben. Es kommen noch Anrufe hinzu, wenn es einen bestimmten Artikel im Angebot gibt, die Cola zur Neige geht oder…

Tatsächlich betritt der Herr dann um Punkt 19 oder 20 Uhr unseren Markt, breitet seine müffeligen Arme aus und begrüßt sein Eigentum. Im Schlepptau hat er seinen Sohn, seinen anderen Sohn, die Tochter und deren Mann. Gemeinsam durchqueren sie den Laden im Schneckentempo. Der Mann ist nämlich ein Walross, mit Zucker in den Waden, Raucherlunge und Urinbeutel am linken Bein baumelnd (nur nach Operationen, wie er uns gerne erzählt). Auf seiner Liste stehen die fünf Laugenbrötchen, zwei Plastikflaschen Cola 1,5 Liter und drei verschiedene Sorten Punika. An der Kasse legt er gemächlich auf, da kann es noch so viel Betrieb haben, bezahlt mit der gleichen Ruhe und räumt noch langsamer wieder ein. Während sich sein betörender Duft verbreitet, werden die Kunden ungeduldig und schieben eventuell noch mir die Schuld in die Schuhe, sogar für den Geruch soll ich verantwortlich sein. Aber natürlich! Wenn man Glück hat, darf man das Ganze dreimal an einem Abend miterleben, denn dann hat er wohl etwas noch im Markt vergessen. Die restliche Zeit, die ihm verbleibt, bis seine erwachsenen Kinder eingekauft haben, verbringt er auf einem Stuhl beim Metzger gegenüber der Kassen mit einer Glasflasche Cola 0,5 Liter.

2. Die MHD-Frau. Sie betritt den Markt. Bewaffnet mit Adlerblick und einer Tasche, in der sie Lebensmittel versteckt, die abgelaufen sind. (Für den Fall, dass es heute keine Beute im Markt gibt!) Dann geht sie an die Ölregale, die Joghurtregale und an ihre Verstecke. Ihre Verstecke sind Orte, wie der Wühltisch. Dort hat sie vor gewisser Zeit dann Wurst oder Käse hinterlegt, mit dem Wissen, dass das Zeug ja wohl mittlerweile verdorben oder abgelaufen sein müsste. Das sammelt sie ein. Falls das Versteck von uns bösen Mitarbeitern schon entdeckt und beseitigt wurde, wühlt sie sich eben durch die Babynahrung. Findet sie auch dort nichts, packt sie ihre abgelaufene Schokolade aus, legt sie nieder, hebt sie auf und rennt damit zur Information um sich zu beschweren. Warum sie das mehrmals im Monat tut?

Eigene Aussage: „Ich hasse euch! Ich hasse den Markt! Ich hasse alles hier. Ich mache das, damit ihr Arbeit habt und Probleme bekommt. Weil – ich – euch – hasse!“

3. Der Verbraucherschützer. Er taucht auf, in Jogginghose, mit intellektuellem Gerede und lichtem Haar. Manchmal mehrmal im Monat, dann wieder einige nicht. Seine Mission: Missstände aufklären, uns dafür verantwortlich machen und mit dem Verbraucherschutz drohen. Der aktuellste Fall (und er hat mal wieder gedroht, nie wieder den Laden zu betreten) umfasst die nun modernen „ice Watches“ bzw. deren Nachbildungen, die es alle paar Wochen in sämtlichen Supermarktketten im Angebot für 7 oder 8 Euro zu erwerben gibt und die sich größter Beliebtheit erfreuen. Nun hatten wir vor zwei Monaten das Angebot. Die Mitarbeiter haben aber im Voraus den größten Teil davon schon selbst gekauft, entsprechend riesig war die Empörung und Enttäuschung der Kunden, die auch gerne eine bekommen hätten. Kurz danach hatten wir sie wieder im Angebot. Der Verbraucherschützer kam gegen Ende der Woche an die Information. Wutentbrannt. (Guter Mann, Angebote sind meistens dienstags schon ausverkauft, weil sie nur in begrenzter Stückzahl geliefert werden, wie es auch auf den Plakaten steht. Das steht da nicht? Nein? Schauen Sie mal genau!)

Kunde: „Ich wollte diese Uhren. Sie sollen ein Geschenk für meine Verwandtschaft in Schweden sein!“

Info: „Tut uns wirklich Leid, die Uhren sind seit Montag ausverkauft. Aber die kommen bestimmt wieder in der Werbung.“

Kunde: „Das geht nicht. Ich brauche diese Uhren. Ich habe jetzt teurere bei (Name einer anderen Supermarktkette) gekauft und sie verschickt. Nun fordere von Ihnen die Differenz zurück! Jede Uhr hat 20 Euro gekostet und ich habe fünf gekauft!“

Er wedelt mit dem Kassenzettel.

Info: „Das können wir leider nicht machen. Tut mir Leid. Aber nächste Woche sind sie, glaube ich, bei (Name einer anderen Supermarktkette) im Angebot.“

Es folgt ein weiterer Wutausbruch über den Verbraucherschutz, Anklage, Menschenrechte. Schließlich zieht er enttäuscht ab, mit dem Vorhaben nie wieder einen Fuß in unsere Hölle zu setzen. Gerne, freut uns.

 

Das also als „kurzer“ Einblick in die Spezies Stammkunde. Bei Gelegenheit mehr, schließlich habe ich noch gar nichts vom Versicherungsbetrüger, der Kugelschreiber-Diebin und Videokassetten-Verfechterin geschrieben. Alles reizende Persönlichkeiten.

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