Absurditäten im Leben einer Kassiererin

An der Kasse #23

An die Kasse fährt eine Frau mit zwei kleinen Kindern im Wagen, sie lädt auf, wirkt äußerst gebildet, die Kinder dementsprechend ungezogen. Das ältere von beiden, ein Mädchen, plötzlich:

„Ich will auch gekauft werden! Also muss ich auch aufs Band!“

Die Mutter ignoriert ihre Tochter, der kleine Sohn starrt mich an und brabbelt unverständliches Zeug. Ich lächle. Währenddessen vollführt das Mädchen wahre akrobatische Bewegungen um vom Kindersitz des Einkaufswagens aufs Band zu krabbeln. Erklärung:

„Ich will ja auch gekauft werden!“

Die Mutter reagiert noch immer nicht, der Kleine brabbelt weiter. Schließlich wendet sie sich an ihr Kind, als dieses schon freihändig auf dem kleinen Plastiksitz steht:

„Lass das lieber! Ich weiß ja nicht, wie viel Spaß die hier verstehen. Setz dich wieder.“

Dass das Kind fallen könnte…

„Aber ich will doch für 9 Euro gekauft werden“

Brabbeln. Mein Lächeln ist noch immer da und ich bringe den Satz, den ich immer sagen muss, wenn Eltern scherzen, was ihre Kinder denn kosten.

„Ach, aber du bist doch unbezahlbar!“

„Nein, ich will gekauft werden, für 9 Euro!“

Die Frau zahlt und will gehen, dann merkt sie, dass wohl noch ein Kind fehlt und sagt ganz bestimmt:

„Wenn es vorbei kommt, sagen Sie gerade, dass wir beim Bäcker sind!“

An der Kasse #22

Bei meinen Kunden herrscht nicht nur am 21. Dezember Weltuntergangsstimmung. Nein, jedes Wochenende und vor allem vor jedem Feiertag ereilt die guten Leute das Gefühl, sie müssten noch einmal richtig viel Geld ausgeben um dann mit einem vollen Kühlschrank zu sterben.

Da wird gekauft, was das Zeug hält. Pizzavorrat für zehn Jahre, tausende Rollen Klopapier, Schokolade… ja Schokolade. Und Fleisch. Denn wer viel in seinen Wagen packt, der wird nicht vom Kometen getroffen, den verschont eine Hitzewelle und der wird vor allem nicht von Aliens entführt.

Also geht man munter, mit düsterer Stimmung in den Supermarkt und kämpft sich durch das Schlachtfeld an Einkaufswägen, dicken Hintern und kreischenden Babys. Sein eigenes Leben sollte einem ja schon mehr wert sein, als so ein kleiner Kampf um den Platz in der Schlange an der Kasse.

Die Artikel im Regal sind leer? Ja, lieber Kunde, das Mehl wird nach dem Feiertag oder am Montag bestimmt nicht mehr aufgefüllt. Pech gehabt, keine Mehlschlacht mehr im Keller, bevor die Welt untergeht.

Für uns Kassierer sind deshalb Weihnachten, Pfingsten und sämtliche andere Feiertage ein riesiger Spaß. Wir sind schließlich daran schuld, dass die Kunden überhaupt an den Weltuntergang denken müssen. Könnten sie auch Sonntags oder an Feiertagen einkaufen… wer würde sich denn Sorgen machen? Liefe doch alles wie gewohnt? Sie würden im Falle eines Endzeit-Szenarios glückselig an der Kasse herummeckern und beim Bezahlen mit der Karte erschlagen oder entführt werden. Schadensersatz dürften sie dann ja sogar auch noch fordern! Traumhaft… Stattdessen haben wir die Frechheit, uns einen Tag frei zu nehmen und die Kunden ihrem Unglück zu überlassen. Böse Welt.

„Gebt mir eine große Idee,
dass ich an ihr gesunde“

– Johann Gottfried Herder

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Photo: Veronica Dotter

NY, MET, Auguste Rodin.

– Auch wenn Camille talentierter war

Unbeantwortete Fragen #4

Was genau ist Blödsinn und wer entscheidet darüber?

An der Kasse #21

Erklärung eines kleinen Jungen, warum manche Artikel (wie auch seine Lieblingsweihnachtsschokolade) so hoch im Regal stehen:

„Zur Sicherheit! Damit die nicht so schnell leer ist.“

Süß.

An der Kasse #20

Kunden können auf unterschiedlichste Weise bezahlen, wichtig ist nur, dass sie es tun. Die Geschäftsleitung interessiert nicht, ob der Geldschein nun mehrfach als Taschentuch missbraucht  oder enthusiastisch abgeschleckt wurde. Gewinn! Darum geht es.

Nun kann der Kunde aber auch galant seine EC-Karte zücken (Und nein, Kreditkarte nehmen wir nicht!) und ganz ohne Bargeld seinen Kauf abwickeln. Das ist bequem, sollte schnell gehen und zuverlässig sein. Haha!

Abgesehen von der typischen Situation, dass der Kunde kein Guthaben mehr auf der Karte hat, können sich folgende Situationen ergeben, die mir manchmal, zumindest innerlich, den letzten Nerv rauben:

1. „Hm… da habe ich wohl dreimal den falschen Pin eingegeben. Ups.“

Gerade vor zwei Tagen kommt gegen 21 Uhr ein Ehepaar um noch seinen Wocheneinkauf zu erledigen (Bar) und anschließend einen Laser-Haar-Entferner für gut 200 Euro mit Kreditkarte (Tut mir Leid, Kreditkarte nehmen wir nicht) zu zahlen. Muss also die EC-Karte herhalten. Nun suchen die Herrschaften in ihrem Handy nach dem Pin, finden drei, alle falsch. Die Karte gesperrt, aus der Traum vom haarfreien Rücken. Falsch gedacht. Ich nehme den Artikel mithilfe einer Bonrückstellung zurück, die Kunden möchten schnell Geld holen oder noch besser eine andere Karte. Gut, ich warte, kassiere weiter… Sie kommen schließlich wieder. Nicht mit Bargeld aber scheinbar anderer Karte.

„Ist das eine andere Karte? Die von eben haben Sie ja gesperrt. Die wird nicht mehr gehen.“

„Ja, ja!“

Es war dieselbe.

„Hm.. ist die Karte wohl gesperrt, weil wir den Pin zu oft eingegeben haben.“

„Ja.“ Gedanke: IHR SEID JA KLUG.

2. Es gibt einen Kunden, der kommt regelmäßig. Hat noch nie Bargeld in seiner Hand gehalten. Er hasst Menschen, meine Supermarktkette und die Welt überhaupt. Jedes Mal wuchtet er seinen leicht (LEICHT) korpulenten  Körper, halb auf dem Wagen gelehnt, um die Ecke ans Ende des Bandes und räumt gemächlich, keuchend ein. Danach möchte er mit Karte zahlen und „selbstverständlich“ den Kassenbon mitnehmen.

Er unterschreibt, verweilt, keucht, und streicht dann noch gemächlicher jede einzelne Zeile der Bedingungen durch. Und das jedes Mal. Guter Mann, wenn Sie Ihre Privatsphäre unbedingt schützen wollen, zahlen Sie einfach mal bar.

3. Nein, mit der Krankenkassenkarte kann man nicht zahlen. Mit dem Motorclub-Ausweis auch nicht. Und nein, nicht mit der Kreditkarte. Nein!

4. Scheinbar möchten einige Kunden Ordnung auf dem Konto. Sie legen mir also 99 Cent auf die Kasse und fordern dann zuckersüß die restlichen 10 Euro per Karte zu zahlen. Gerne, immer doch.

An der Kasse #19

Kunde heute an der Kasse über den Jutebeutel im Wagen:

„Da ist nur mein Arbeitszeug drin. Lauter Totschläger, aber das interessiert ja niemanden…“

Ist gut.

An der Kasse #18

Manche Kunden können es gar nicht erwarten, endlich ihre Ware einzupacken. Wer kann es ihnen verübeln? Es kommt scheinbar Weihnachten gleich, seine Fertigpizza oder die Bananen schneller einzupacken als sein Nachbar oder gar der Ehepartner.

Sollen sie ruhig machen, so kann ich immerhin auch zügiger kassieren und mich über mehr Kunden pro Stunde freuen, die mich göttergleich behandeln.

Doch dieses Verhalten hat eine beachtliche Nebenwirkung: Die Kunden werden zu Raubtieren, fahren ihre Krallen aus: geputzte, manikürte, gelackte oder Fingernägel mit dem Dreck der letzten Baustelle oder des letzten Ausflugs in sämtliche Körperöffnungen. Lecker.

Sobald das Tier das „Piep“ hört, schaltet es sämtliche Sinne aus, konzentriert sich nur noch darauf, möglichst schnell die Ware aus meinen Händen herauszuklauben, es muss nur den Scanner überquert haben. Alles was im Wege steht, wird blind entfernt, weggewischt (wie Geldbeutel mit Kleingeld, das dann den gesamten Boden bedeckt – egal, kümmern wir uns später drum!) oder gekratzt.

Es stört mich nicht, wenn sie sich bei ihrem Raubzug gegenseitig ihre Nägel ins Fleisch hauen. Anders wird es aber, wenn ich das Opfer bin, weil ich meine flinke Hand eben nicht schnell genug weggezogen habe. Kommt es einmal zu so einem Zusammenstoß, durchzuckt es meinen ganzen Körper. Ein Gefühl des Ekels breitet sich aus. Die Wunde klafft auf, der Schmerz ist nur zweitrangig, Schnellzüge von Gedanken durchrauschen mich eher: Wie sehen die Nägel aus? Mann oder Frau? Welches Umfeld? Wie tief ist die Wunde, bleibt eine Narbe? Dann der Schmerz.

Aber es kann noch besser kommen. Im unwahrscheinlichsten Fall handelt es sich beim Raubtier um einen gepflegten Menschen, der sich entschuldigt. Im realistischen und meistens eintretenden Fall, darf ich mich mit verunreinigten Krallen herumschlagen und muss mich sogar noch dafür entschuldigen, dass mein eigenes Fleisch der Wurstpackung im Weg war.

Entschuldigung, dass Sie mir eine weitere Narbe und einen Schauer des Ekels beschert haben. Kassieren Sie doch am besten selbst Ihre Opfer ab. Danke.

via Cape Cod Collegiate